Kathrin Roussel

Geführt von: 
Léon Howahr und Sebastian Tiede

Kathrin Roussel absolvierte nach ihrem Diplom an der FH Düsseldorf ein Master-Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Seit 2006 ist sie als Gestalterin von Büchern, Erscheinungsbildern und anderen Printmedien tätig. 2012 erhielt sie einen Lehrauftrag für Typografie an der HAW Hamburg.

Du hast nach deinem Diplom an der FH Düsseldorf noch ein Masterstudium an der HfBK Hamburg drangehängt. Was war deine Motivation?

Ich glaube, das Ausschlaggebende war, dass ich Lust hatte, noch eine andere Hochschule kennenzulernen. Während des Diplomstudiums hatte ich kein Auslandssemester gemacht – es war gut, konzentriert fünf Jahre am selben Ort zu studieren. Danach habe ich vorwiegend in einem Büro in Düsseldorf gearbeitet und vielleicht ist es ganz natürlich, dass man nach einer Weile wieder Lust bekommt, nochmal zu studieren. Dass ich nach Hamburg ging, hing mit Sicherheit auch damit zusammen, dass Hamburg eine Kunsthochschule und damit vom System, dem Aufbau des Studiums und natürlich auch von den Leuten, die dort studieren, etwas ganz anderes ist. Was weiterhin eine Rolle gespielt hat, war, dass mein Studium in Düsseldorf Kommunikationsdesign in einem eher allgemeinen Sinn gewesen ist. Ich hatte zwar dort auch schon einige Bücher gestaltet, aber es gab nie den Schwerpunkt Buch. Es gab zwar auch in Düsseldorf Professoren, die sehr viel Ahnung von Büchern hatten, aber ich wollte einfach noch mehr zum Buch kennenlernen und das bei anderen dezidierten Fachleuten.

Das nimmt die nächste Frage schon vorweg: Warum hast du dich für Hamburg entschieden?

Ingo Offermanns und Wigger Bierma unterrichten jetzt wahrscheinlich seit sechs oder sieben Jahren in Hamburg, haben im Prinzip dort den Bereich Typografie/Grafik aufgebaut und sind beide Buchgestalter. Der offizielle Schwerpunkt heißt nicht „Buchgestaltung“, aber es war eigentlich von vornherein klar, dass man mit diesen beiden Lehrenden als Experten für Buchgestaltung genau das vorfindet, was ich mir gewünscht hatte. Und das hat sich auf jeden Fall auch nachher bestätigt. Wir haben zwar nicht nur Bücher gemacht, aber es war schon ein Schwerpunkt.

Gab es auch eine Alternative? Oder war es sofort klar, dass du an der HfBK Hamburg studierst?

Ich hätte beinahe in Kiel bei Klaus Detjen studiert, das war auf jeden Fall auch eine meiner Optionen. Letztendlich war der Grund, warum ich nach Hamburg gegangen bin, dass es in Hamburg eben diese Kombination von Wigger Birma und Ingo Offermanns gab. Also ein „alter Hase“ und ein sehr junger Gestalter. Darüber hinaus habe ich bei einem Gespräch mit Ingo gemerkt, dass er mich mit Sachen konfrontiert, die erstmal vielleicht auch unangenehm sind. Es wurde klar, dass der Master in Hamburg nicht bedeutet, dass sie alles toll finden, was ich mache, sondern dass es auf jeden Fall Konfrontationen geben würde. Ich weiß nicht, ob das in Kiel auch so stark der Fall gewesen wäre. Ich wollte ja auch etwas neues kennenlernen, nicht nur eine andere Hochschule, sondern auch andere Lehrende, und mit etwas anderem konfrontiert werden, etwas das ich noch nicht kenne. Nach dem Gespräch zeichnete sich ab, dass das dort der Fall wäre, was dann letztendlich auch so war.

Hat dich die Tatsache, dass du auf andere Ansichten treffen wirst, auch zu dem Thema deiner Masterarbeit „also recht eigentlich“ inspiriert?

Ja, auf jeden Fall. Dazu muss man vielleicht ein bisschen zur HfBK, also speziell zu der Hochschule (als Ort) sagen. Die ganze Hochschule ist im Klassensystem aufgebaut, d.h. es gibt alle zwei Wochen Klassenbesprechungen. Dort präsentieren dann beispielsweise zwei Leute eine Arbeit, die dann in der Gruppe besprochen wird. Bei diesen Besprechungen geht es aber weniger darum, das Prozesshafte der Arbeit zu besprechen – das wird zwar auch getan, aber nicht in erster Linie, denn es geht nicht darum, alle zwei Wochen einen weiteren Punkt der Arbeit zu sehen. Jeder präsentiert nur eine Arbeit im Semester und dadurch wird viel mehr Wert darauf gelegt, was derjenige über seine Arbeit denkt und was er mit ihr bezwecken will – weniger um so etwas wie: „Warum hast du jetzt in diesem Fall diese Schrift genommen?“ Im Grunde wurde also die persönliche Sichtweise thematisiert, aber wir haben nie über das Wort „Haltung“ gesprochen. Es wurde zwar selten erwähnt, aber im Prinzip ging es die ganze Zeit um die Haltung. Ich denke, das lag daran, dass es eine Kunsthochschule ist, und dass Ingo zum Beispiel ursprünglich Malerei an einer Kunsthochschule studiert hat. Das hat ihn sicher auch in seiner Lehre beeinflusst. Er hat eben auch bestimmte Fragen eingefordert. Das war nicht immer einfach, denn es gab – wie ich schon erwähnte – harte Konfrontationen. Aber es war auch der Anstoß, sich mit dem Thema Haltung auseinanderzusetzen. Gegen Ende des Studiums gab es dazu auch einen Kurs, wo wir über Haltungen von Gestaltern gesprochen haben. Jeder hat einen Text mitgebracht und dann haben wir darüber diskutiert. Dabei ging es nicht immer explizit um Buchgestaltung, sondern allgemein um Haltungen von Gestaltern oder Künstlern. Dieses Thema kursierte also und hat mir Anstoß für die Beschäftigung mit dem Thema gegeben. Dabei wurde natürlich auch das Problem offenbar, dass es in der Form ja eigentlich kein Buch gibt, wo man gesammelt Haltungen von Gestaltern finden kann. Aus dieser Mangelsituation ist – würde ich sagen – auch das Thema des Buches entstanden.

Wie bist du zu der Leidenschaft Buchgestaltung gekommen?

Das ist eine gute Frage. Das habe ich mich noch nie so richtig gefragt. Das kam bestimmt Stück für Stück. Vielleicht fing das sogar schon recht früh an. Ursprünglich habe ich mit dem Gedanken angefangen zu studieren, Illustration zu machen. Ich habe sehr gern und viel gezeichnet, wurde am Anfang des Studiums aber direkt knallhart mit Typografie konfrontiert. Auch wenn wir einen strengen Lehrer im ersten Semester hatten, Andreas Uebele, war es trotzdem so, dass es mich von Anfang an fasziniert hat. Das hat sich dann so fortgesetzt. Eigentlich war es so, dass mit jedem Typografiekurs, den ich gemacht habe – und ich hab danach jeden Kurs bei irgendwem anders gemacht – mich Typografie immer mehr interessiert hat. Wie es dann zum ersten Buch kam? In einem Kurs bei Helfried Hagenberg gab es die Möglichkeit, eine freie Arbeit zu machen und ich habe das Thema Linearität gewählt und dazu ein Buch gemacht. Vermutlich habe ich in diesem Kurs meine Liebe zur Gestaltung von Büchern entdeckt. Danach habe ich bei jedem neuen Buch, das ich gemacht habe, gemerkt: Mensch, das ist ein Medium, was mir sehr gut gefällt, was ich spannend finde, was ich immer wieder spannend finde, was mich auch beim x-ten Mal nicht langweilt.

Aber dein Wunsch, Bücher zu gestalten, wurde in Düsseldorf nicht voll befriedigt?

Das kann man so nicht sagen. Ich habe im Diplom elf Bücher gemacht und davor noch ein Buch, was mir auch sehr viel bedeutet hat. Ich kann jetzt im Nachhinein nicht sagen, dass ich das Studium in Düsseldorf nicht gut fand oder so. Das überhaupt nicht. Ich habe dort die Freiräume gehabt, die ich brauchte und konnte auch schon immer das machen, worauf ich Lust hatte. Vielleicht kann man sagen, mir haben die fünf Jahre nicht ausgereicht. Von den Professoren her war es auch auf jeden Fall gut.

Wie definierst du die Arbeit des Buchgestalters? Ist der Buchgestalter Künstler, Übersetzer, Dienstleister oder noch etwas anderes? Oder alles auf einmal? Würdest du dich selbst dezidiert als Buchgestalterin bezeichnen? Oder ist die Buchgestaltung eine von vielen Disziplinen, die du ausübst?

Sie kann natürlich alles sein. Die Frage kann ich nicht allgemein beantworten, weil jeder Buchgestalter anders arbeitet. Ich kann sie höchstens für mich beantworten, also was es für mich bedeutet. Ihr habt ja schon viele Begriffe genannt. Ich sehe mich in den meisten Fällen, wenn ich Bücher gestalte, nicht als Künstlerin. Ich habe in Düsseldorf während des Studiums Bücher gemacht, bei denen ich auch selbst Autorin war, insofern kann man mich in diesen Fällen als Gestalter-Autor bezeichnen. Aber auch bei den Büchern, die ich in den letzten Jahren gestaltet habe, würde ich mich nicht als Künstlerin sehen. Auf jeden Fall bin ich in gewisser Weise ein Dienstleister. Was natürlich nicht heißt, dass man sich versklaven muss. Das Wort des Übersetzers finde ich auf jeden Fall sehr reizvoll. Trotzdem stößt man, wenn man sich näher mit dem Wort beschäftigt, irgendwann auch an dessen Grenzen. Es gibt spannende Parallelen, aber trotzdem sehe ich mich nicht als eine Buchgestalterin, die zum Beispiel etwas vom Inhalt nimmt, in die Gestaltung überträgt und versucht, in diese zu übersetzen – also wie ein Übersetzen über einen Fluss. So sehe ich die Arbeit eigentlich immer weniger, weil ich immer weniger sehe, dass das möglich ist. Trotzdem finde ich eine Auseinandersetzung mit dem Material, das ich da am Anfang bekomme, mit dem Text, den Bildern, was auch immer, extrem wichtig und beschäftige mich intensiv damit. Das macht für mich einen wichtigen Part der Arbeit aus – also die Auseinandersetzung mit dem, was am Anfang gegeben ist. Aber ich sehe meine Aufgabe nicht in einer simplen Übertragung in die Gestaltung. Ich glaube dafür ist das, was ich dann letztendlich als Buchgestalter mache, viel zu unkonkret. Ich habe kein Interesse daran, als Buchgestalter eine Form von Illustration des vorhandenen Materials zu machen. Das hängt auch auf jeden Fall mit meiner Liebe zur Typografie zusammen. Ich schätze die Typografie aus dem Grund, dass sie nicht platt illustrativ ist, sondern dass sie eine Form der Abstraktion hat, mit der sich etwas ausdrücken lässt, ohne dass du „schwarz/weiß“ sagen kannst: Das heißt jetzt das und das heißt das. Ich sehe es so, dass ich durchaus etwas mache, was eine Verbindung mit dem Inhalt eingeht – oder neben diesem steht und sich gegenseitig etwas gibt und ergänzt. Ergänzen trifft es eigentlich ganz gut. Ich habe kein Interesse daran, eine willkürliche Gestaltung zu machen, aber die Gestaltung, die ich mache, muss auch nicht von jedem gleich verstanden werden.

Du hast gerade schon gesagt: „Ich als Buchgestalterin“. Siehst du dich hauptsächlich als Buchgestalterin?

Auch, auf jeden Fall. Aber ich mache natürlich nicht nur Bücher. Ich glaube, wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich viel mehr Bücher machen, aber natürlich ist man gewissen ökonomischen Zwängen unterworfen. Was aber nicht heißt, dass ich andere grafische Tätigkeitsfelder nicht auch spannend finde. Plakate sind spannend – in letzter Zeit war es wahrscheinlich das häufigste, was ich gemacht habe. Auf jeden Fall ist es auch ein spannendes Feld, was im Grunde auch dem Buchcover nicht ganz unähnlich ist. Auch Corporate Designs haben, finde ich, in ihrer mehr oder weniger großen Komplexität ihren Reiz. Die Gestaltung von Webseiten ist nicht so mein Fall, aber auch das kann spannend sein. Insofern ist die Tätigkeit Buchgestalter ein Part – einfach ein Teil.

Was sind deine aktuellen Projekte – handelt es sich dabei um Buchprojekte oder um andere Medien?

Es sind auf jeden Fall Bücher dabei. Es ist eine Reihengestaltung für ein kleines Kolleg in Köln, für die ich ursprünglich das Corporate Design gemacht habe. Ein geisteswissenschaftliches Forschungskolleg, das eine Schriftenreihe herausbringen will und dafür fange ich jetzt an, die Gestaltung zu machen. Ein anderes Projekt sind zum Beispiel – und das hat auf jeden Fall mit Plakaten angefangen – die Duisburger Akzente, eine Kulturveranstaltung in Duisburg, die den Bogen spannt von einem sehr großen Theaterschwerpunkt, über Musik, Tanz bis hin zu bildender Kunst. Das ist, würde ich sagen, ein Zwischending zwischen reiner Plakatgestaltung und einem Corporate Design, denn es gehören natürlich immer mehr als nur Plakate dazu und es kann auch in Richtung eines Orientierungssystems gehen.

Hast du Vorbilder ?

Es gibt natürlich viele Leute, die ich toll finde. Aber es gibt niemanden, von dem ich sage, das ist mein absolutes Idol, davon finde ich alles gut und folge dem. So ist es nicht. Es ist auch nicht so, dass ich daran interessiert bin, irgendjemandem in seinem grafischen Stil zu folgen. Deshalb habe ich mich auch im Master mit einem Projekt beschäftigt, in dem es um die Haltung geht. Wie denken die Leute, wie arbeiten sie? Insofern gibt es auf der einen Seite Arbeiten und auf der anderen Auffassungen von gewissen Leuten, die ich toll finde, ohne jetzt komplett alles von irgendjemandem gut zu finden. Das war auch im Studium schon so. Es hängt vielleicht auch damit zusammen, dass wir in Düsseldorf eine sehr große Auswahl an Typografie-Professoren hatten und ich hatte ja schon erwähnt, dass ich in jedem Semester bei jemand anderem studiert habe. Dabei gelangt man nicht so stark in die Rolle, einem Hauptlehrer zu folgen. Das habe ich sehr geschätzt und fand es eine große Qualität an Düsseldorf. Man wird dadurch viel mehr dazu gezwungen, sich eine eigene Meinung zu bilden und man wird auch darauf gestoßen, dass es verschiedene Typografen gibt, die sich überhaupt nicht grün sind und sehr unterschiedlicher Auffassungen über Flattersatz, zentrierten Satz und Blocksatz sind. Das war, glaube ich sehr gut, auch wenn einen das im ersten Semester vielleicht verstört. Gerade im Kontrast zu Hamburg wurde mir im Nachhinein dann besonders bewusst, dass es eine große Qualität war, erstmal mit sehr vielen Leuten konfrontiert zu werden und nicht nur von einer Person geprägt zu werden.

Hättest du ein paar Beispiele an Personen?

Im Prinzip beeinflussen mich all die Leute, mit denen ich konfrontiert werde. Im Studium in Düsseldorf waren das besonders Helfried Hagenberg und Victor Malsy als Typografen. In Hamburg waren es dann natürlich auch Ingo Offermanns und Wigger Bierma, auch beide in ihrer Unterschiedlichkeit. Natürlich auch die ganzen Leute, die ich interviewt habe. Ich habe mir natürlich auch die herausgesucht, die ich spannend finde, an denen ich etwas toll finde. Letztlich beeinflusst einen das natürlich noch mal mehr, wenn man solche Leute im Interview kennenlernt.